Mit der MS Trollfjord von Bergen über Kirkenes nach Trondheim
- Reisebericht vom 23. Februar - 4. März 2008 -


29. Februar 2008: Kirkenes - Wendepunkt der Reise


Der Wendepunkt der Hurtigruten ist erreicht. Hier in Kirkenes, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, beginnt der Rückweg der Hurtigruten nach Bergen. Eine komplette Rundfahrt Bergen - Kirkenes - Bergen dauert dabei 11 Tage und wird von jedem Besatzungsmitglied zwei Mal absolviert, bevor es in die Freizeitphase (ebenfalls 22 Tage) geht. Idealerweise teilen sich zwei Besatzungsmitglieder aus dem gleichen Ort einen Arbeitsplatz, so dass sie in ihrem jeweiligen Heimathafen wechseln können - ansonsten muss natürlich noch die An- und Abreise (und das ist ja nicht mit einer S-Bahn-Fahrt von Offenbach nach Frankfurt vergleichbar) berücksichtigt werden. Einzige Ausnahme von diesem Prinzip sind im Übrigen die Reiseleiter; diese wechseln immer in Bergen, damit die Betreuung der Passagiere durchgängig durch den gleichen Mitarbeiter gewährleistet ist. Somit bleibt uns Tone noch die restliche Strecke bis zum Ende der Fahrt erhalten.

Aber eigentlich wollte ich ja nicht über die Arbeitsbedingungen auf der Hurtigruten schreiben sondern über Kirkenes. Also:

Die schönste Seereise der Welt ...Der Morgen beginnt mit leicht krachenden bzw. knackenden Geräuschen vor dem Fenster. Da das Schiff an den Vortagen so etwas nicht gemacht hat (zumindest habe ich es nicht mitbekommen), entschließe ich mich kurzerhand, dem Krachen auf den Grund zu gehen und öffne mutig den Vorhang. Wow ...

Wir haben - nachdem wir gestern Abend und in der Nacht Kjøllefjord, Mehamn, Berlevåg, Båtsfjord, Vardø und Vadsø angelaufen sind - den Varangerfjord erreicht und legen die letzten Seemeilen bis Kirkenes zurück. Da der Hafen so weit im Innern des Fjords liegt, wird er nicht mehr vom Golfstrom erreicht (der ansonsten dafür verantwortlich ist, dass Norwegens Küste eisfrei bleibt) und muss dann von Eisbrechern eisfrei gehalten werden. Der Blick aus dem Fenster erklärt dann auch das Krachen - Eisschollen treiben auf dem Meer und werden von unserem Schiff gebrochen bzw. zur Seite geschoben.

Um 10.00 Uhr legen wir in Kirkenes an; die Sonne scheint bei 16°C - unter Null versteht sich - und unser Bus für den Ausflug an die russische Grenze steht bereit.

Kirkenes - Russische GrenzeBereits nach wenigen Kilometern Fahrt haben wir den einzigen Grenzübergang zwischen Norwegen und Russland erreicht: Storskog. Waren zu Zeiten des "Kalten Krieges" hier pro Jahr maximal 3.000 (legale) Grenzübertritte zu verzeichnen, so sind es heute mehrere 100.000 pro Jahr.

Gut gesichert ist die Grenze trotzdem - immerhin stellt sie eine der Außengrenzen nach dem Schengener Abkommen dar und ist somit der Eingang in die "Schengen-Welt".

Kirkenes - EntfernungsschilderVon unserer deutschen Reiseführerin erfahren wir während unseres Ausfluges allerhand Interessantes zu dieser Region; so befinden wir uns in Kirkenes z.B. weiter östlich als Istanbul oder St. Petersburg (deshalb zählt Norwegen übrigens auch zu Ost-Europa), dafür aber -entgegen der letzten beiden Tage - wieder südlich der arktischen Baumgrenze, so dass die Winterlandschaft (es liegt rund 1 m Schnee) hier noch beeindruckender wirkt.

Beeindruckend sind auch die Entfernungen in Norwegen - auf Landkarten sieht das alles irgendwo furchtbar kompakt aus. Der Weg von Kirkenes nach Tromsø (an der Westküste Norwegens) beispielsweise beträgt über 1.000 km; weitere Entfernungsschilder geben die Entfernung nach Oslo mit 2.502 km, nach Helsinki mit 1.154 km und nach Rom mit 5.102 km an.

Bis vor gut zehn Jahren war die Haupterwerbsquelle in Kirkenes der Eisenerzabbau in der Grube Bjørnevatn; diese wurde 1996 geschlossen, steht aber im kommenden Jahr vor der Wiederaufnahme ihres Betriebs da sich die Preissituation am Weltmarkt wieder geändert hat. Interessantes Detail am Rande: in einem stillgelegten Stollen der Grube suchten im zweiten Weltkrieg rund 3.000 Einwohner Zuflucht bis die Russen im Oktober 1944 das Gebiet befreiten - in dieser Zeit wurden hier zehn Kinder geboren.

Kirkenes - Hafen mit MS TrollfjordKirkenes hat die Kriegsjahre leider nicht so gut überstanden. Aufgrund der geographischen Ausgangslage waren hier über 100.000 deutsche Soldaten stationiert, was Kirkenes über 350 Luftangriffe einbrachte, so dass die Stadt nach dem Krieg komplett neu aufgebaut werden musste.

Der Rückweg zum Schiff beinhaltet dann noch einen kleinen Fotostopp mit tollem Ausblick über den Fjord und unser Schiff - und dann heißt es auch schon Abschied nehmen und Abfahrt in Richtung Bergen.

Im Laufe des Nachmittags zieht jetzt Nebel auf, so dass ich mich nach einem kleinen Lunch in der Cafeteria mit einem Buch und Kaffee in die Panorama-Galerie zurückziehe und dem Weg des Schiffes folge.

Den einstündigen Aufenthalt in Vardø ignoriere ich im Übrigen - möglich wäre hier u.a. die Besichtigung der Festung Vardøhus gewesen, allerdings habe ich meinem Buch jetzt den Vorzug gegeben ...

Interessant ist allerdings eine Information, die ich am Rande erhalten habe: jedes Jahr an meinem Geburtstag haben die Kinder in Vardø schulfrei. Wusste ich bis jetzt gar nicht, dass man das hier so wichtig nimmt. Kann aber natürlich auch sein, dass das mit dem Ende der Dunkelzeit zusammenhängt, da sich an diesem Tag die Sonne zum ersten Mal wieder am Horizont zeigt ...

Da Kirkenes für einen Teil der Reisenden Endstation gewesen ist und andere hier erwartungsvoll das Schiff besteigen, ergeben sich auch beim Dinner gewisse Veränderungen. Nachdem meine bisherigen Tischdamen in Kirkenes ausgestiegen sind (hat aber nichts mit mir zu tun gehabt!), habe ich Tisch 43 nun für mich allein.

Unabhängig davon ist das Essen aber noch genauso lecker wie an den Tagen zuvor. Heute wird als Vorspeise eine Suppe "Irma" (Spargel, Champignons und Hühnchen) gereicht, der Hauptgang besteht aus Dorschrücken an gedünsteten Kartoffeln und einer Knoblauchsauce und zum Dessert lockt ein Schokoladenkuchen mit Mango-Eis. Dazu gönne ich mir heute mal ein Fläschchen von dem portugiesischen Rotwein ...

Pünktlich zum Abendessen erfolgt wie an den Vortagen der Hinweis der Brücke auf das Nordlicht, das sich heute noch intensiver darstellt (und auch problemloser zu fotografieren ist, da inzwischen ausschließlich Fotoapparate auf Stativen zu sichten sind). Kein Wunder, dass zu Zeiten, in denen man von leuchtenden Atomen noch nichts wusste, die Einwohner an böse Geister glaubten ...

Die schönste Seereise der Welt ...Im Vorfeld zu diesem Urlaub habe ich mir im Übrigen die Frage gestellt, ob es sinnvoller ist, die Strecke von Bergen nach Kirkenes oder die umgekehrte Strecke von Kirkenes nach Bergen zu buchen (dass ich jetzt die komplette Strecke gebucht habe, habe ich Heike zu verdanken, der ich genau diese Frage gestellt hatte - sie hatte sie beantwortet mit "Ich würde die gesamte Strecke nehmen.") Wer dennoch zum Ausprobieren, aufgrund zu weniger Urlaubstage oder weshalb auch immer nur die halbe Tour machen möchte, dem würde ich (zumindest im Winter) die nordwärts gehende Strecke von Bergen nach Kirkenes empfehlen: die Landschaft ist von Tag zu Tag schöner und reizvoller geworden und hat mit Kirkenes einen würdigen Abschluss gefunden - umgekehrt könnte ich mir vorstellen, dass die Rückkehr aus dem echten Winter in unsere Breitengrade eher etwas frustrierend wirken würde. Außerdem gibt es nordgehend mehr Ausflugsmöglichkeiten als auf der südgehenden Strecke ...

Soweit zu den touristischen Tipps ... Den Rest des Abends mache ich mir weiter mit meinem Buch gemütlich und versinke dann auch alsbald, den Wellenbewegungen des Schiffes folgend, in tiefen Schlummer.


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